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„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukasevangelium 6,36).

Nachgedacht

Barmherzigkeit, liebe Leserinnen und Leser, ist eine Tugend, die in unserer unbarmherzigen Welt etwas außer Mode gekommen ist. Wenn ich meine Schüler frage, was Barmherzigkeit überhaupt ist, dann bekomme ich mehr oder weniger nur ein Kopfschütteln zur Antwort. „Barmherzigkeit …“

Und auch uns Erwachsenen geht es ja nicht unbedingt besser. Den Begriff Barmherzigkeit kennen wir, aber wie ihn erklären?

Auf jeden Fall steckt das „Herz“ in dem Wort drin: Es geht also um das Herz, um mein Herz. Und „barm“ (althochdeutsch) könnte sich auf das lateinische „miser“ (von misericordias) beziehen und hieße dann „arm“: Ein barmherziger Mensch hätte dann ein Herz für die Armen.

Barmherzigkeit schreiben wir gerne Gott zu: Er handelt barmherzig. Er hat ein Herz für die Armen. Wobei da wahrscheinlich nicht nur die materiell Armen gemeint sind, auch nicht unbedingt die „Armen im Geiste“, sondern Menschen ganz allgemein, denen etwas fehlt. Menschen, denen Liebe fehlt; Menschen, denen Freude fehlt; Menschen, denen Hoffnung fehlt; Menschen, denen Glauben fehlt. Also Menschen wie Sie und ich. Denn keiner von uns ist vollkommen, jedem unter uns fehlt etwas. Diesen Menschen schenkt Gott sein Herz.

Deutlich wird diese Barmherzigkeit Gottes im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32): Darin lässt sich ein Sohn sein Erbe auszahlen und vergeudetet es dann in der Fremde. Als er zurückkommt zu seinem Vater, abgebrannt und zerknirscht, weil er keinen anderen Ausweg mehr sieht, da macht ihm sein Vater keine Vorwürfe, sondern erbarmt sich seiner: Schenkt ihm sein Herz, gibt ihm neue Kleider und feiert ein Fest.

Der Vater im Gleichnis ist Gott, die Söhne sind wir Menschen. Auch wir entfernen uns immer wieder von Gott, um dann abgebrannt und zerknirscht zu ihm zurückzukehren. Und er nimmt uns auf, verzeiht uns und freut sich darüber, dass wir wieder kommen, was wir auch verbrochen haben mögen.

Zu dieser Barmherzigkeit lädt uns Jesus ein. Wir sollen sie nicht nur von Gott erfahren, sondern selbst auch weitergeben. Ich finde, das ist ein guter Vorsatz für das Jahr 2021, das nun schon einige Zeit alt ist. Ich möchte gerne barmherziger handeln, denn dadurch vermeide ich Streit. Denn was wäre denn die Alternative?

An der Geschichte des Vaters mit seinen Söhnen kann ich sie mir gut ausmalen:

Der Sohn kehrt zum Vater zurück, abgebrannt und zerknirscht. Er sagt: „Vater, ich habe gesündigt vor dir und Gott. Ich bin nicht mehr wert dein Sohn zu heißen. Mache mich zu einem deiner Sklaven.“

Und der Vater antwortet: „Jetzt siehst Du, was du angerichtet hast. Du hast dir selbst mit deiner Entscheidung dein Grab geschaufelt. Meinst du etwa, jetzt würde alles gut? Schau, wie du zurecht kommst. Bei mir hast du nichts mehr verloren!“

Wie schrecklich wäre dieser unbarmherzige Vater. Ja, er hätte auf seinem Recht bestanden, aber hilft dieses Recht zum Leben? Kittet es das Verhältnis zwischen Vater und Sohn? Oder spaltet es nicht vielmehr noch tiefer?

In unserem Alltag, in der Politik und der Wirtschaft erfahren wir diese Unbarmherzigkeit nur zu oft: Dass Menschen ohne Herz handeln. Wenn in Betrieben nur noch die Rendite das höchste Ziel ist, dem sich alles andere unterordnen muss. Wenn es „America first“ heißt (und damit alle anderen abqualifiziert werden). Wenn Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag erfahren haben, die kalte Schulter gezeigt wird. Wenn die Natur und andere Menschen ausgebeutet werden, „weil ich ja sowieso nichts daran ändern kann!“

Dann leben wir plötzlich in einer Welt, die nicht mehr lebenswert erscheint, die unmenschlich und unbarmherzig ist.

Wie schön ist dagegen der Gegenentwurf Gottes: Seine Barmherzigkeit macht uns hoffen, lieben, glauben. Unsere Barmherzigkeit anderen Menschen gegenüber schafft Nähe, Vertrauen und Zuversicht. Gottes Barmherzigkeit macht unsere Barmherzigkeit möglich. Ich zeige Herz für andere. Das ist doch ein guter Vorsatz nicht nur für das Jahr 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

R. Höhr

 

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